Guinea-Bissao, Guinea und Sierra Leone


Gesichter aus einer anderen Welt

Die Tour durch

den Fouta Djalon in Guinea...

...bei der eine Kuh

meinen rechten Fahrradhandschuh
und meine Mütze verspeist...

...was mich aber
nicht davon abhalten kann,
die wundervollen Wasserfälle von Konkouré zu entdecken.
Und sonst?
und ach:

dann waren da ja noch die fast 1.000 km
durch den Dschungel
von Sierra Leone


aus dem tagebuch

07. Dezember 2008
Erreiche Bissao, die Hauptstadt von Guinea-Bissao. Der Ort ähnelt mehr einem großen Dorf als einer Stadt.


9. Dezember 2008
Fahre früh morgens aus Bissao wieder ab. In den Vororten wird groß Reine gemacht. Die herabgefallenen Blätter der Kapokbäume werden mitsamt Müll zusammengekehrt und verbrannt. Überall liegt ein beißender Rauch in der Luft.
Abends komme ich in einem Campement unter, einige Kilometer vom Örtchen Bambadinca entfernt. Der afrikanische Verwalter erklärt mir, er fahre nochmal in die Stadt. Ob er mir etwas mitbringen soll? Ich bitte ihn, mir Bier und eine Sprite zu besorgen. Als er zurückkommt, überreicht er mir das gewünschte Bier, aber statt der Sprite ein Spray gegen Mücken - auch gut...


10. Dezember 2008
Fahre durch Guinea-Bissao Richtung Osten. Es ist Tabaski, das islamische Opferfest. Das öffentliche Leben liegt weitgehend lahm. Auch auf dem Land. In manchen Dörfern, an denen ich vorbei komme, werden Prozessionen abgehalten. Die Menschen sind ausgelassen und fröhlich, tragen (trotz all ihrer Armut) neue, schicke Kleider; die Frauen und Mädchen erstaunen mich mit sagenhaft aufwendigen Frisuren.


11. Dezember 2008
Heute ist der „Internationale Tag der Berge“ und ich sehe endlich auch mal wieder welche, Vor mir liegt der Fouta Djalon (in Guinea), der von den früheren französischen Kolonialherren als die „Schweiz Westafrikas“ bezeichnet wurde.
Im ersten Dorf nach der Grenze tausche ich Geld um. Der „Franc Guinee“ (FG) hat in den letzten Jahren eine ziemliche Inflation erlebt. Für einen Euro bekomme ich rund 6.000 FG. Ich tausche 200 € und bin Millionär. Mein Portemonnaie droht zu platzen und ich weiß nicht, wo ich all die Scheine hinpacken soll.


12. Dezember 2008
Rot – Grün – Blau. Diese Kombination lässt mein Herz aufgehen. Rot: die Laterit-Piste. Grün: der undurchdringliche Wald. Blau: der Himmel. Die Farben heben sich so deutlich voneinander ab, dass jede für sich doppelt so stark leuchtet. Es scheint als wollten sie einen Wettbewerb veranstalten, bei dem es darum geht, wer am kräftigsten strahlt. Früh morgens und abends, wenn die Bäume lange Schatten werfen, ist das Farbenspiel besonders schön.
Die Strecke von Koundara nach Labé führt zunächst durch hügelige Savannen-Landschaft, später wird der Waldbestand immer dichter, dann taucht die erste von mehreren uralten Urwaldbrücken auf. Rechtzeitig vor Einbruch der Dunkelheit entdecke ich einen guten Platz für mein Nachtlager. Es ist Vollmond – der fünfte Vollmond seit ich in Deutschland gestartet bin. Manchmal kommt alle Herrlichkeit zusammen. Ich bin dankbar, einfach nur dankbar so einen wundervollen Tag erleben zu dürfen, der jetzt auch noch in eine funkelnde Nacht übergeht.


13. Dezember 2008
Die Landschaft wird immer bergiger, die Straße immer schlechter, mein Tempo immer langsamer. Eine große Gruppe Paviane rennt über die Straße in den Wald, wenig später muss ich mit einer Fähre einen dunklen Fluss überqueren. Im Dorf, das an den Fluss angrenzt, bekomme ich einen großen Teller Reis mit Fisch für umgerechnet 64 Cent. Außerdem fülle ich meine Wasservorräte auf.
Die Menschen in Guinea sind ausgesprochen freundlich. Sie sind zurückhaltend, aber wenn man mit ihnen ins Gespräch kommt sehr offen. Ich bin im Land der Peul und Mamadou, ein etwa 25-jähriger junger Mann, bringt mir mit sichtlicher Freude ein paar Worte seiner Sprache bei. Jetzt kann ich alle, die mir begegnen, in ihrer Sprache grüßen. Noch Tage später erlebe ich, dass mein schlichtes „ndiaram“ (guten Tag) helle Begeisterung auslöst und alle wild durcheinander zurück grüßen und winken.


14. Dezember 2008
Habe gestern Abend keinen guten Schlafplatz gefunden. Es ging in steilen Kehren nur bergauf. Am Ende verbrachte ich die Nacht zwischen Gestrüpp und Felsen auf leicht ansteigendem Boden. Ich schlief unruhig, denn ich rutschte ständig auf der Isomatte bergab. Außerdem war da eine Kuh, die schon abends mit großem Getöse angestampft kam und der Auffassung schien, die Nacht an meiner Seite verbringen zu müssen. Ich hörte es also unentwegt rascheln, dazu das schmatzende Wiederkäuen meines offensichtlich nicht satt zu kriegenden Nachtgenossen. So ganz unrecht war mir das alles nicht, denn ich dachte, solange die Kuh durch die Gegend stampft, nehmen die Schlangen reiß aus.
Heute morgen entdeckte ich dann, dass sich die Kuh an meinen Besitztümern vergangen hatte. Sowohl meine Mütze als auch mein rechter Fahrrad-Handschuh, die ich beide über den Lenker gehängt hatte, waren verschwunden... im Maul des braunen Vielfraßes. Die Mütze konnte ich der Rindvieh noch einmal entlocken – wenigstens um ein Foto zu machen, denn zu gebrauchen war sie nicht mehr. Der Handschuh aber war nicht mehr aus dem Maul hervor zu zerren, so dass ich vermuten musste, dass er bereits zermahlen im Magen lagerte.
P.S.: Ich gab der Kuh nach dem Foto die zerschundenen Reste meiner Mütze wieder zurück und sie machte sich betrunken vor Glück daran, weiter zu kauen. Ich verabschiedete mich höflich und fuhr weiter durch die Berge (mit nur noch einem Handschuh und einem Kopftuch anstelle der Mütze), immer hinauf und wieder herab, hinauf und wieder herab... über felsiges Gestein und rutschigen Schotter. Am Ende des Tages hatte ich bei durchschnittlich 9 Km/h nur knapp 60 Kilometer hinter mir.


15. Dezember 2008
Nach vier unvergesslich grandiosen (aber auch anstrengenden) Tagen durch den Fouta Djalon keuche ich von Koundara kommend den letzten Anstieg ins knapp 1100 m hoch gelegene Labé hoch. Eine tolle Stadt: steile Gassen mit einem dicht gedrängten Marktleben, wie es afrikanischer nicht sein könnte. Es riecht nach Fisch und Erdnussbutter, aber ich habe mehr Lust auf grünen Salat und Tomaten. Der ultimative Test auf meine Durchfall-Anfälligkeit... Außerdem gibt’s Avocado-Creme mit viel Knoblauch und frischem Baguette. Einfach köstlich... Afrika ist köstlich...


19. Dezember 2008
Nach drei erholsamen Tagen verlasse ich Labé. Molly hatte ich komplett durchgescheckt, neu geölt und gefettet. Sie läuft leise und leicht wie eine Prinzessin...


24. Dezember 2008
Weihnachten in Guinea: ich verbringe es trotz aller Putschwirren in aller Ruhe bei einem der vielen Wasserfälle dort (Voileé de la Marie), denke an alle Lieben zu Hause. Zur Feier des Tages koche ich mir mein Lieblingsgericht (nicht nur unterwegs): Spaghetti, diesmal mit viel Knoblauch und Chili in Olivenöl.


26. Dezember 2008
Bin in Sierra Leone, das siebte afrikanische Land auf meiner Reise. Die Armut ist bedrückend – egal wie freundlich die Menschen sind und egal wie schön die Landschaft ist.


29. Dezember 2008
Erreiche nach anstrengender Dschungelfahrt den Outamba-Kilimi-Nationalpark. Er wirbt damit, hier könne man die letzten wild lebenden Elefanten und Büffel sehen. Als ich nachfrage, heißt es, die Tiere seien zur Zeit weit im Busch unterwegs, man könne mich höchstens zu ihren Fußabdrücken führen. Ich genieße dann lieber die Anwesenheit der vielen Affen und entscheide mich für eine Kanu-Tour zu den flussabwärts lebenden Flusspferden. Die Paddel-Tour dauert über zwei Stunden und ermöglicht mir, einen Hippo schwimmen und den anderen aus dem Wasser schielen zu sehen. Das ganze von so weit weg (aus Vorsicht, weil eine der Mütter ein Junges hat), dass kein Foto wirklich gelingen will. Dafür habe ich abends bei der Rückkehr tausend Mückenstiche und von diesen auch dick angeschwollene Füße – ist ja auch was...


31. Dezember 2008

Silvester verschlafe ich mit vielen anderen Tieren gemeinsam im Dschungel Sierra Leones...


05. Januar 2009
Nach 6 Tagen Kampf gegen unsägliche Pisten und insgesamt über 1.000 Kilometer Urwald bin ich wieder in Guinea. Gönne mir in Faranah ein gutes Hotel, d.h. es ist teuer, weil es fließendes (nicht heißes) Wasser gibt und bis Mitternacht dank Strom-Generator auch Licht.


08. Januar 2009
In Kouroussa treffe ich John, einen Niederländer. Es ist eine nachhaltige Begegnung. John ist etwa so alt wie ich und seit 8 Monaten zu Fuß unterwegs. Er ist in den Niederlanden gestartet (immer an der Küste entlang) und erwägt, noch bis Südafrika zu laufen. Das ist schon beeindruckend genug. John hat aber nichts weiter mit als das, was er an hat. Er reist praktisch ohne Geld, nur mit Reisepass. Und er ist stumm. Unser „Gespräch“ läuft so ab, dass er alles in meinen kleinen Notizblock kritzelt. Er berichtet, dass er sich nie ein Visum besorgt, sondern an den Grenzen so lange ausharrt (zum Teil in „Polizei-Gewahrsam“) bis man ihn einreisen lässt. Nur in Sierra Leone habe das nicht geklappt. Jetzt läuft er einen großen Bogen um Sierra Leone und Liberia herum, evt. auch um die Elfenbeinküste, um in Ghana wieder an die Küste zu gelangen.


11. Januar 2009
Bin seit 13 Tagen ohne Unterbrechung auf dem Rad unterwegs und habe mir irgendwann in den vergangenen Nächten eine Erkältung geholt. Jetzt kämpfe ich mit einem dicken Kopf und kraftlosen Beinen die letzten Kilometer bis Bamako gegen den Wind an.


13. Januar 2009
Bin in Bamako bei der sehr netten Familie Löffel untergekommen. Das ist eine große Freude für mich: nicht nur, weil ich seit langer Zeit wieder eine heiße Dusche genießen konnte, sondern vor allem, weil ich seit Wochen wieder deutsch reden kann, weil wir uns über Afrika und das hier Erlebte austauschen, aber auch über Weltpolitik reden und über Privates. So empfinde ich mal wieder ein bisschen Heimatgefühl und wohltuenden Alltag.